Die Architektur der Orangerie

 

Im Auftrag Herzog Friedrichs II. von Sachsen-Gotha-Altenburg und seiner Gemahlin Magdalena Augusta entstand in den Jahren 1708 bis 1711 unterhalb der östlichen Festungsanlagen des Schlosses Friedenstein an der Allee vor dem Siebleber Tor (der heutigen Friedrichstraße) das Lustschloss Friedrichsthal. Gegenüber dem repräsentativen Barockbau wurde das das sogenannte Ordonnanzhaus errichtet, in dem die herzogliche Leibwache zu Pferde untergebracht war. Hinter dem Ordonnanzhaus wurde in Richtung des Schlosses Friedenstein eine terrassierte Gartenanlage angelegt, die jedoch nicht auf das Friedrichsthal ausgerichtet war und in keiner direkten architektonischen Beziehung dazu stand. Dennoch war dieser zunächst schlichte Küchengarten, der in den nächsten vier Jahrzehnten schrittweise zu einer Orangerie (mit Gewächs- und Treibhaus, Fontäne und Lusthaus) ausgebaut wurde, der Ursprung der heutigen Orangerie.

 

Sowohl durch seine unregelmäßige Form als auch durch die in unterschiedlichen Jahren errichteten Gebäude (Ordonnanzhaus, Gewächshaus, Treibhaus) bot der Ordonnanzgarten keine dem spätbarocken Zeitgeschmack und Gartenideal entsprechende Ansicht. Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg stellte daher 1747 den sachsen-weimarischen Landesoberbaumeister Gottfried Heinrich Krohne vor die Aufgabe, eine völlig neue Gesamtanlage zu entwerfen. Diese sollte auf ausdrücklichen Wunsch des Herzogs vor allem „in eine bessere Symmetrie mit dem Friedrichsthal“ gebracht werden. War dies durch eine Schwenkung der bisherigen Mittelachse des Gartens um etwa 20 Grad noch vergleichsweise leicht zu erreichen, stand Krohne vor einem weitaus größeren Problem: Auf dem bislang in mehreren Terrassen zum Friedrichsthal hin abfallenden Gelände musste er ein Gebäudeensemble und eine Gartenanlage schaffen, die zwischen der Massivität des Schlosses Friedenstein zum einen und der „eleganten Energie“ des Schlosses Friedrichsthal zum anderen harmonisch vermitteln konnten.


Krohne entwarf eine symmetrische Gesamtanlage in Form eines Teatros mit je zwei großen Kalthäusern und benachbarten Treibhäusern auf der Nord- und Südseite des Orangeriegartens, die ein weiträumiges Gartenkabinett einfassten. Durch die besondere Ausrichtung der Gebäude wollte Krohne zweierlei erreichen: Einerseits würden die Orangeriebauten – vom Schloss Friedrichsthal aus gesehen – wie die verlängerten Seitenflügel des Schlosses wirken, und andererseits erschiene die Orangerie – vom oberhalb gelegenen Park aus gesehen – weiträumiger, da sich die Baufluchten der Gebäude hinter dem Schloss Friedrichsthal schnitten. Nach Osten, zum Friedrichsthal hin, sollte die Gartenanlage durch einen in mehreren Bögen geschwungenen Zaun begrenzt werden, nach Westen, zum Park hin, durch durch das steil aufragende Halbrund des Teatros. In der dafür erforderlichen Futtermauer sah Krohne Nischen für Statuen vor.

 

Der in drei Terrassen aufgeteilte Garten sollte im unteren Bereich (zwischen „Orangen-“ und „Lorbeerhaus“) neben einer Fontäne auch einen vertieften Rasenplatz erhalten, auf dem die Hofgesellschaft im Freien speisen könnte. Auf der Nord- und Südseite dieses Platzes plante Krohne je vier ansteigende, halbrunde Terrassen, auf denen Kübel mit Orangeriepflanzen aufzustellen waren. Der obere, westliche Teil des Gartens (zwischen den Treibhäusern) sollte in der Mittelachse eine zweiteilige Wasserkaskade mit Treppenaufgängen zu beiden Seiten erhalten. Links und rechts dieser Anlage plante Krohne, die Orangenbäume in einfacher Reihung vor den Treibhäusern aufzustellen. Oberhalb der vom Leinakanal gespeisten Kaskade sollte die Gesamtanlage auf der obersten Terrasse von einem kleinen Pavillon gekrönt werden.

 

Dieser 1747 von Krohne vorgelegte erste Ausführungsentwurf fand das Wohlwollen des herzoglichen Paares, das dessen Umsetzung noch im selben Jahr in Auftrag gab. Zunächst wurden die alten, zum Teil bereits baufälligen Gebäude des Ordonnanzgartens abgebrochen, das Gelände eingeebnet und auf der Nordseite ein privater Garten zur Erweiterung des Bauareals zugekauft. Bereits 1748 konnte das südliche Treibhaus als erstes Gebäude des neuen Orangeriegartens fertiggestellt werden. Das bis auf die chinoise Dachformen eher schlicht gehaltene Gebäude mit langem Mitteltrakt und je einem Pavillon auf der West- und Ostseite wies eine hohe, über die gesamte Fassadenbreite reichende Fensterfront auf, die zweckmäßigerweise nach Süden (also nicht zum Garten) ausgerichtet war.

 

Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau des benachbarten Kalthauses, des später „Lorbeerhaus“ genannten südlichen Hauptgebäudes der Orangerie, begonnen. Ein als Entrée vorgesehener Mittelpavillon wird von zwei „Appartments“ genannten Zwischenbauten und daran anschließenden äußeren Pavillons flankiert. Während die drei Pavillons Spiegelgewölbe aufweisen, sind die sie verbindenden Zwischenbauten mit Flachdecken versehen. Noch stärker als bei dem benachbarten Treibhaus sind die Dächer der beiden äußeren Pavillons des „Lorbeerhauses“ am chinesischen Pagodenstil orientiert. Die zum Garten gewandte Fassade des Gebäudes wurde mit reichen Verzierungen im Stil des Rokoko versehen.

 

Das Kalthaus sollte nach Krohnes Vorstellungen nicht nur im Winter die Orangeriepflanzen beherbergen, sondern dem Herzogspaar und der Hofgesellschaft im Sommer als „Speisezimmer im Grünen“ dienen. Herausnehmbare Wände konnten dazu den aufwändig gestalteten ovalen Mittelpavillon mit den angrenzenden Räumen vereinen. Für die seitlichen Pavillons des „Lorbeerhauses“ schlug Krohne die Einrichtung z.B. eines Billard-Spielsalons vor. Einen Flügel des gegenüberliegenden „Orangenhauses“ sah er als Wohnung für den Hofgärtner vor, einen Teil des benachbarten nördlichen Treibhauses als Wohnung für die Gärtnergesellen. Unter dem nördlichen Treibhaus, das 1757/58 als Pendant (abgesehen von der Fensterfront, die hier zur Gartenseite zeigt) zum südlichen errichtet wurde, sollten zudem ein Vorratskeller für die Ernten aus dem Küchengarten sowie ein Eiskeller angelegt werden.

 

Erst 26 Jahre nach Baubeginn konnte 1773 mit dem „Orangenhaus“ genannten zweiten Kalthaus das letzte Gebäude des Orangeriegartens fertiggestellt werden. Von der Kubatur und seiner dem Garten zugewandten Fassade her (die Rückseiten der beiden Kalthäuser unterscheiden sich grundlegend) bildet es das spiegelbildliche Pendant zum gegenüberliegenden „Lorbeerhaus“. Zur Friedrichstraße und damit auch zum Schloss Friedrichsthal hin wurde die Anlage durch einen (entgegen den ursprünglichen Entwürfen nun nicht mehr in barocken Bögen geschwungenen) hohen schmiedeeisernen Zaun abgeschlossen, dessen beeindruckender Blickfang das dreiteilige Portal ist: Verziert mit reichen Metallschmiedearbeiten u.a. in Form von Akanthusblättern, wird es heute vom farbig in Grün und Gold gestalteten sächsischen Rautenkranzwappen mit rot-goldener Herzogskrone überragt.

 

Die aus dem Entwurfsjahr 1747 stammenden krohneschen Vorschläge für die Gartengestaltung mit Terrassen, vertieftem Rasenplatz, Wasserkaskaden und Lustpavillon wurden nicht mehr umgesetzt, da sich ab 1770 der Gartengeschmack grundlegend gewandelt hatte: Statt barocker Geziertheit und Symmetrie sah man mittlerweile die Vollendung der Gartenkunst im natürlich wirkenden Landschaftsgarten nach englischem Vorbild. Die Gartenfläche zwischen den Kalt- und Treibhäusern wurde daher 1774 nur noch als schlichter Rasenplatz mit einer breiten, auf das Schloss Friedrichsthal zulaufenden Mittelachse und einem kreuzenden Weg zwischen „Lorbeer-“ und „Orangenhaus“ gestaltet. Im Kreuzungspunkt wurde ein hohes sandsteinernes Brunnenbecken mit Fontäne aufgestellt, das zuvor im Garten des Schlosses Friedrichsthal stand. Die Bäume der Orangerie erhielten im Sommer Standplätze entlang der Wege und auf den Rasenflächen.

 

Um 1900 wurden die Rasenflächen und Beete des Orangerieparterres komplett neu gestaltet (in der Form, die seit 1995 wieder zu sehen ist). Die einschneidendste Änderung betraf die markante, auf das Schloss Friedrichsthal zulaufende breite Mittelachse, welche seither durch ein langes Beet in zwei schmalere Wege gegliedert wird. Ein Hauptgrund für diese Umgestaltung dürfte die Tatsache gewesen sein, dass der über zwei Jahrhunderte gewachsene Bestand an großen Orangeriebäumen binnen weniger Jahre rapide zurückgegangen und es damit nicht mehr möglich war, den ursprünglichen Alleecharakter der Mittelachse (gut sichtbar auf dem Foto aus dem Jahre 1858) zu erhalten, welche dadurch sehr leer und kahl wirkte.

 

In den nachfolgenden Jahrzehnten änderte sich das Bild der Gartenanlage immer wieder. 1909 wurde der durch Vandalismus beschädigte metallene Springbrunnen aus dem Jahre 1863 ersatzlos entfernt. 1919 wurde auf der Mittelrabatte die überlebensgroße Bronzeplastik einer Diana mit Jagdhund plaziert. 1931 wurde die Diana entfernt und im westlichen Halbrund der Gedenkobelisk für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Gothaer FEA (Fliegerersatzabteilung) 3 aufgestellt. Im Zuge dieser Arbeiten wurde die Mittelachse zwischem dem Eingangsportal und dem Brunnenbecken durch ein Halbrund aus Hecken geschlossen. 1937 bis 1939 wurde im westlichen Halbrund ein hölzerner Musikpavillon errichtet und 1940 der dadurch verdeckte FEA-Gedenkobelisk aus der Orangerie entfernt.

 

Nach 1945 verschwanden die beiden großen Barockvasen, die über Jahrzehnte das westliche Halbrund der Gartenanlage flankiert hatten. Den größten Verlust für die Gartenanlage bedeutete jedoch der Abbruch des 1944 durch Luftminen schwer beschädigten südlichen Treibhauses im Jahre 1955. Ein Jahr später wurde zugunsten der Verbreiterung der Karl-Marx-Straße (heute wieder Friedrichstraße) die Umfassungsmauer mit umlaufendem Fußweg an der Ostseite des „Lorbeerhauses“ entfernt (ihr Pendant an der Ostseite des „Orangenhauses“ ist bis heute erhalten).

 

Auch wenn die ursprünglichen Pläne Krohnes für die barocke Gartenanlage nicht ausgeführt wurden, die Fassaden der vier Gebäude schon wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung auf Veranlassung Herzog Ernsts II. ihrer ursprünglichen barocken Dekorelemente verlustig gingen, zählt die Gothaer Orangerie heute dennoch zu Deutschlands bedeutendsten und beeindruckendsten Orangerieanlagen des 18. Jahrhunderts.

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