Interview mit dem Parkverwalter

 

 

„Die Orangerie Gotha hat das Potenzial zum Touristenmagneten“, ist Parkverwalter Jens Scheffler (hier vor dem Hintergrund des nördlichen Treibhauses) überzeugt. Exklusiv für www.orangerie-gotha.de stand er im März 2008 in einem ausführlichen Interview zu seinen aktuellen Aufgaben, der Umsetzung des Nutzungskonzeptes der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, den Problemen und Zukunftsaussichten der barocken Gartenanlage Rede und Antwort. (Foto: AMC)

 

Dem einmaligen städtebaulichen Ensemble von Schloss Friedenstein und Schlosspark in den kommenden Jahren neuen Glanz zu verleihen, hat sich die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten zum Ziel gesetzt. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Orangerie, die derzeit nicht nur in der Residenzstadt durch die Sanierung des „Lorbeerhauses“ für positive Schlagzeilen sorgt, sondern auch überregional durch das zukunftsweisende Nutzungskonzept, das die Einrichtung einer Schauorangerie und des deutschen Orangeriemuseums vorsieht. Für die Umsetzung des ambitionierten Konzepts vor Ort zeichnet seit Oktober 2007 der Landschaftsarchitekt Jens Scheffler, 33, verantwortlich. Exklusiv für www.orangerie-gotha.de stand er im März 2008 in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort.

 


Herr Scheffler, was hat Sie gerade im Hinblick auf die Orangerie an der durchaus anspruchsvollen Aufgabe des Parkverwalters in der Residenzstadt gereizt?

 

Wir haben in Gotha ein wirklich einmaliges barockes Orangerieensemble und mit dem Nutzungskonzept der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten eine ganz tolle Vision für dessen Zukunft. Hier in den nächsten Jahren etwas Neues aufbauen und gestalten zu können, was es in dieser Form noch nicht gibt, ist einfach spannend. Ein Projekt, das nicht nur eine sehr große Herausforderung darstellt, sondern auch eine Gelegenheit ist, die man als Landschaftsarchitekt selten geboten bekommt. Und wir möchten hier in ein paar Jahren ein Ergebnis vorweisen, das sich sehen lassen kann.

 

Die Inbetriebnahme und Nutzung des sanierten „Lorbeerhauses“, der Aufbau eines orangerietypischen Pflanzenbestandes, die Einrichtung der Schauorangerie und der Aufbau des Orangeriemuseums sind einige wichtige Eckpunkte des Stiftungskonzeptes. Womit beginnt man bei so einer Fülle an Projekten eigentlich?

 

Derzeit ist es mir wichtig, erst einmal die internen Strukturen der neuen Parkverwaltung aufzubauen, damit diese so schnell wie möglich voll arbeitsfähig ist, die Zuständigkeiten und Kompetenzen geklärt sind. Dies wird innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre geschehen. Parallel dazu wird jedoch auch schon an der Umsetzung des Nutzungskonzeptes – nicht nur für die Orangerie, sondern für den gesamten Schlosspark – gearbeitet. Das heißt, wir schlagen jetzt die sprichwörtlichen „Pflöcke“ ein, um all diese Projekte schrittweise in den kommenden Jahren verwirklichen zu können.

 

Eine Orangerie beeindruckt ja nicht nur durch die Anlage an sich, sondern gewinnt einen Großteil ihrer Attraktivität durch die gezeigten Kübelpflanzen. Wie sieht es derzeit mit dem Pflanzenbestand der Orangerie aus?

 

Momentan stehen wir noch ganz am Anfang, was das betrifft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der historisch gewachsene Bestand ja fast auf Null zurückgegangen, und erst nach der Wende wurde mit bescheidenen Mitteln versucht, wieder einen neuen Pflanzenbestand aufzubauen. Mit derzeit 506 Kübelpflanzen – vor allem Lorbeerbäumchen, Agaven, Palmen, Fuchsien und Hibiskusstämmchen – sind wir jedoch noch weit entfernt von den einst über 3.000 Pflanzen der herzoglichen Orangerie im 19. Jahrhundert.

 

 

Auch wenn der Pflanzenbestand der Orangerie momentan noch vergleichsweise klein ist, bietet sich dem Besucher der Orangerie im Sommer dennoch ein beeindruckendes, farbenprächtiges Bild. Hier ein Blick von Nordosten über das blühende Orangerieparterre mit dem „Teeschlösschen“ im Hintergrund. (Foto: AMC)

 

Was muss getan werden, bzw. wurde bereits getan, um wieder einen nennenswerten Bestand an Kübelpflanzen aufbauen und präsentieren zu können?

 

Als ersten Schritt haben wir in den vergangenen Monaten eine Inventarisierung aller vorhandenen Pflanzen vorgenommen und ein Orangeriepflanzenkataster erstellt. Dieses enthält u.a. Angaben zu Herkunft, Alter und eventuellen Krankheiten jeder Pflanze. Auf dieser Grundlage können wir den derzeitigen Bestand, der bislang ein Sammelsurium verschiedenster Pflanzen ist, sortieren und entscheiden, in welchem Umfang und mit welchen Pflanzen wir ihn in den nächsten Jahren erweitern.

 

 

Die 50 Lorbeerbäumchen des „Italienischen Sommers“ 2006 zieren in den warmen Monaten die Arkaden des Schlosses Friedenstein. Sie bilden den Grundstock für den neu aufzubauenden Pflanzenbestand der Orangerie. (Foto: AMC)

 

Einen guten Grundstock haben wir jedoch schon einmal mit den 50 Lorbeerbäumchen, die wir als Schenkung im Anschluss an den „Italienischen Sommer“ 2006 erhalten haben. Und sporadisch ziehen wir auch schon erste Pflanzen aus Samen selbst. Derzeit erarbeiten wir gerade eine konkrete Zielstellung, wie der Pflanzenbestand der Orangerie in Zukunft aussehen soll. Die Frage ist, ob wir uns schwerpunktmäßig eher an den im 18. Jahrhundert typischen Kübelpflanzen orientieren wollen oder an den im 19. Jahrhundert verwendeten. In welche Richtung es in der Zukunft genau geht, wird auch von unseren Erfahrungen mit dem „Lorbeerhaus“ abhängen.

 

Was heißt das konkret?

 

Nun, wir haben derzeit ja noch keinerlei praktische Erfahrungen, was das Betreiben des „Lorbeerhauses“ angeht – wie zum Beispiel im Umgang mit der neuen Technik zur Steuerung der Klimaverhältnisse, um den überwinternden Pflanzen optimale Bedingungen bieten zu können. Sobald wir im Oktober dieses Jahres unsere Pflanzen dort eingestellt haben, werden wir erst einmal wenigstens zwei Überwinterungsphasen abwarten und beobachten müssen, wie sich das alles entwickelt. Erst auf der Grundlage der dann gesammelten Erfahrungen können wir in etwa zwei bis drei Jahren auch gezielt wertvolle Pflanzen ankaufen, um den Bestand planvoll zu vergrößern.

 

Kommen dann auch die typischerweise mit einer Orangerie verbundenen Bäumchen wie Zitronen, Pomeranzen und Apfelsinen?

 

Ja, das wird im nächsten Schritt erfolgen. Zitrusgewächse, von denen wir momentan erst ganz wenige haben, sind natürlich die Krone der Orangeriepflanzen und eine Zierde jeder Anlage. Sie sind jedoch auch anspruchsvoller als zum Beispiel Lorbeerbäumchen, und ihre Pflege in unseren Klimaverhältnissen erfordert viel gärtnerische Erfahrung und Geschick – das war und ist noch immer eine hohe Kunst. Deshalb fangen wir jetzt erst einmal mit Pflanzen an, die etwas leichter zufriedenzustellen sind, ehe wir „in die Vollen“ gehen. (lacht)

 

Wird der Bestand an Kübelpflanzen in Zukunft wieder so groß sein wie zu den Glanzzeiten der Orangerie im 19. Jahrhundert?

 

Nein, eine solch enorme Menge von über 3.000 Exemplaren wie einst ist heute nicht mehr sinnvoll. Unser Ziel ist, einmal einen Bestand von etwa 1.000 bis 1.500 Kübelpflanzen zu haben. Das ist die Zahl, welche die Kapazität der Orangeriegebäude hergibt, und die man hier auch gut in der Anlage zeigen kann. Ehe wir soweit sind, dürfte es jedoch noch einige Jahrzehnte dauern. Einen solchen Bestand kann man nicht einfach in nur ein paar Jahren aufbauen. Wir werden in den nächsten Jahren sehen, wie er sich konkret entwickelt – durch Neuankäufe, eigene Zucht, Schenkungen und auch Pflanzentausch mit anderen Orangerien, Gärten- und Schlösserverwaltungen. Allerdings werden wir dann absehbar natürlich auch mehr Gärtner für die Pflege der Orangerie benötigen als heute.

 

Zu den Orangeriepflanzen zählen natürlich auch die Blumen auf den Rabatten und Beeten. Nach welchen Gesichtspunkten werden diese gepflanzt?

 

Derzeit richten wir uns bei der Bepflanzung des Orangerieparterres im Frühjahr und Sommer nach fünf in den 1990er-Jahren aufgestellten Pflanzplänen. Die Auswahl der Pflanzen orientiert sich an Farbfassungen des 19. Jahrhunderts, wobei allerdings heute übliche Pflanzen Verwendung finden. Momentan ist es also eher eine freie, unserer Zeit angepasste Adaption. Jedes Jahr wechselt der Pflanzplan für die rund 22.000 einzelnen Sommerblumen, sodass man erst im sechsten Jahr wieder dieselben Pflanzen und Farben sehen kann. Das dürfte allerdings kaum einem Besucher auffallen – und vielleicht sollte ich diese kleinen Geheimnisse auch gar nicht verraten. (lacht) 

 

 

Links ein Blick über das Orangerieparterre mit der markanten Mittelrabatte in Richtung des Schlosses Friedrichsthal. Am unteren Bildrand erkennbar ist die derzeit älteste und größte Kübelpflanze der Anlage: eine 80-jährige, rund viereinhalb Meter hohe Phoenixpalme. Rechts eine blühende Palme vor dem Hintergrund des nördlichen Treibhauses (links) und des „Orangenhauses“. (Fotos: AMC)

 

Werden sich hier in der Zukunft ebenfalls Veränderungen ergeben?

 

Das in den vergangenen Jahren bewährte Gestaltungskonzept bei der Bepflanzung wird natürlich fortgeführt, aber sicher im Laufe der Jahre immer wieder dem jeweiligen Erkenntnisstand angepasst. Zum Beispiel werden die in der DDR-Zeit angelegten runden Beete und auch die sechszackigen Sterne vor den Treibhäusern sicher nicht für immer bleiben, da sie nicht den historischen Gegebenheiten entsprechen. Wir werden allerdings bei der Gestaltung des Parterres auch nicht auf eine barocke Fassung zurückgehen, da wir die verschiedenen Zeitschichten der Orangerieentwicklung repräsentieren wollen. Das heißt, wir möchten die Anlage annähernd so zeigen, wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts – am Übergang von der herzoglichen Orangerie zum städtischen Garten – ihren Besuchern präsentiert hat.

 

Ein interessanter Aspekt, der in diesem Zusammenhang noch in einer genauen Studie zu untersuchen wäre, ist, welche Pflanzen und in welchen Mustern im 18. und 19. Jahrhundert im Orangerieparterre gezeigt worden sind (1). Dann wäre die nächste Frage, ob es uns möglich ist, die historischen Pflanzenarten oder zumindest sehr ähnliche zu beschaffen und die Beete und Rabatten nach konkreten historischen Vorbildern zu bepflanzen. Hier sehe ich in den kommenden Jahren durchaus Möglichkeiten zur Entwicklung und Veränderung gegenüber dem heutigen Stand.

 

Sehen Sie sich bei Ihren Planungen für die künftige Bepflanzung und Ausstattung der Orangerie in der Nachfolge der herzoglichen Oberhofgärtner, oder spielen solche Überlegungen keine Rolle für Sie?

 

Doch, natürlich. Wir stehen hier ganz klar in der Tradition der herzoglichen Hofgärtnerei, an deren Arbeit – die ja leider in den vergangenen Jahrzehnten unterbrochen war – wir heute wieder anknüpfen wollen. Zu zeigen, welch hohes Niveau in der Gartengestaltung und -pflege unsere Vorgänger hatten, ist ja ein sehr wichtiger Punkt des Stiftungskonzepts. Der einst hervorragende Ruf der Gothaer Orangerie, ihre lange Tradition sowie die Leistungen und das Fachwissen ihrer Gärtner fordern uns bis heute Respekt und Hochachtung ab. Und bei allem, was man tut, ist einem die Verantwortung für die Anlage bewusst, zumal ja der Garten schon immer entscheidend durch seine Gärtner geprägt wurde. Im Übrigen besteht noch viel Forschungsbedarf, was zum Beispiel die historischen Leistungen von namhaften Gothaer Hofgärtnern wie Wehmeyer, Eyserbeck oder Eulefeld angeht. Ein spannendes Thema.

 

Was die Gebäude der Orangerie betrifft, so steht derzeit natürlich das „Lorbeerhaus“ im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Wird sich über dessen Sanierung hinaus denn am baulichen Erscheinungsbild der Anlage noch etwas ändern?

 

Ja, hier wird sich auch einiges tun. So sind wir derzeit bei den Planungen für die Wiedereinrichtung der ehemaligen Hofgärtnerei im Bereich der südlichen Orangerie, d.h. auf dem Gelände hinter dem „Lorbeerhaus“ und oberhalb davon im Bereich des einstigen Treibhauses. Das derzeit noch im Tannengarten hinter dem Museum der Natur stehende große Sandsteinbecken aus dem Jahre 1711, das im 19. Jahrhundert die Mittelachse der Orangerie zierte und ursprünglich aus dem Garten des Schlosses Friedrichsthal stammt, soll restauriert werden und mittelfristig im Bereich der südlichen Orangerie einen neuen Standort finden. Auch die einstige Umfassungsmauer mit Umgang auf der Ostseite des „Lorbeerhauses“, die 1961 bei der Verbreiterung der damaligen Karl-Marx-Straße zugunsten des Fußweges geopfert wurde, könnte wieder entstehen und die historische Ansicht komplettieren. Die Sanierung des nördlichen Treibhauses steht ebenfalls in nächster Zeit an und – als Abschluss der baulichen Maßnahmen in der Anlage – in einigen Jahren die Sanierung des „Orangenhauses“.

 

 

Die Gärtnerei der Orangerie unterhalb des „Teeschlösschens“ (hier mit einem Teil der Sommerpflanzen) bildet die Basis für die geplante Wiedereinrichtung der ehemaligen Hofgärtnerei. (Foto: AMC)

 

Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten hat auch die Idee eines Neubaus des 1955 abgebrochenen südlichen Treibhauses und die Einrichtung eines Cafés darin ins Gespräch gebracht. Gibt es dafür bereits Pläne?

 

Nein. Es wäre natürlich schön, irgendwann einmal das Gebäudeensemble der Orangerie komplettieren und damit die historische Ansicht der Gesamtanlage wiederherstellen zu können. Da dies jedoch nichts mit dem Erhalt des vorhandenen historischen Bestandes zu tun hat, ist der Neubau des Treibhauses und die mögliche Einrichtung eines Cafés keine primäre Aufgabe der Stiftung. Das wäre wohl eher die Sache eines privaten Investors und liegt vorerst noch in weiter Ferne.

 

 

Bislang nur ein Traum ist die Wiedererrichtung des nach Kriegsschäden im Jahre 1955 abgebrochenen südlichen Treibhauses der Orangerie. Die fotografische Rekonstruktion zeigt das in seiner ursprünglichen Kubatur wiederaufgebaute Gebäude, dessen neue Fensterfront nun nach Norden zeigt. (Foto: AMC)

 

Können Sie ein wenig genauer erläutern, wie das Konzept für das zu schaffende Orangeriemuseum aussieht und welche Bedeutung seine Umsetzung für die Residenzstadt hat?

 

Es ist ein wirklich einmaliges Konzept, das über die bloße Präsentation der Pflanzen im Garten weit hinausgeht. Schließlich wollen wir nicht nur die Pflanzen zeigen, sondern die europäische Orangeriekultur in Form eines Museums und einer Schauorangerie präsentieren und den Besuchern anschaulich vermitteln. Das schließt u.a. Vorträge und Seminare, die Darstellung der Geschichte und kulturhistorischen Bedeutung der Gothaer Orangerie, das Vorstellen typischer Arbeitstechniken sowie das Aufzeigen der historischen und aktuellen Entwicklungen der Orangeriekultur ein.

 

Ich bin davon überzeugt, wenn wir das Konzept so umsetzen können, wie es derzeit geplant ist, würde das deutsche Orangeriemuseum für die Residenzstadt zum Touristenmagneten schlechthin werden. Wir haben hier mit der Orangerie tatsächlich das enorme Potenzial, um eine deutschland- und sogar europaweite Attraktion zu schaffen. Man muss in diesem Zusammenhang auch an die vielen positiven Nebeneffekte für die Stadt denken, die ein blühender Tourismus mit sich bringt. Davon profitieren Handel und Gewerbe gleichermaßen. Daher möchte ich vor allem auch die Gothaer noch mehr als bisher für ihre Orangerie begeistern und Ihnen begreiflich machen, welchen Schatz wir hier haben.

 

In welchem Zeitraum sollen all diese Vorhaben umgesetzt werden?

 

Wenn alles ideal läuft, sehe ich die Realisierung im Rahmen von etwa zehn bis fünfzehn Jahren. Unsere Planungen gehen jetzt erst einmal bis 2020, was zumindest die Schaffung der Schauorangerie und den Aufbau des deutschen Orangeriemuseums angeht. Ein realistischer Zeitraum, vorausgesetzt, dass jeweils die Finanzierung der einzelnen Projekte gesichert ist. Generell ist jedoch die Aufgabe eines Parkverwalters hier in Gotha eigentlich eine Lebensaufgabe. Denn gerade eine Orangerie, das heißt vor allem ihr Pflanzenbestand, entwickelt sich ja nicht von heute auf morgen, sondern wächst und verändert sich über Jahrzehnte.

 

Wie sehen Sie bei all diesen positiven Entwicklungen das seit Jahren akute Problem des Vandalismus, sei es nun Diebstahl oder Zerstörungswut, in der Orangerie?

 

Der Diebstahl von Pflanzen hält sich seit einigen Jahren zum Glück in Grenzen, doch der Vandalismus im Bereich des Schlossparks ist tatsächlich extrem: Immer wieder müssen wir zertrümmerte Bänke, Leuchten und Schaltkästen ersetzen und Graffittischmierereien beseitigen. Das sinnlose Zerstören ist mir selten in so einer Größenordnung und in so geballter Form vorgekommen wie hier. Das ist erschreckend und auch unverständlich. Doch auch wenn dies zusätzliche Arbeit bedeutet und Kosten verursacht, die eigentlich unnötig sind, ist das natürlich kein Grund, zu resignieren.

 

 

Immer wieder leiden vor allem Lampen und Bänke der Orangerie unter sinnlosen Zerstörungen und müssen mit z.T. erheblichem Aufwand repariert oder ersetzt werden. Diese Bank wurde vor dem „Lorbeerhaus“ zertrümmert. (Foto: AMC)

 

Gibt es Strategien, dieses Problem anzugehen und zu lösen? Wenn ja, wie sehen diese konkret aus?

 

Ja, es gibt mehrere Ansätze, aber natürlich kein Patentrezept, wie man damit umgeht. Wir überlegen derzeit für den gesamten Schlosspark Maßnahmen, um vor allem den Vandalismus eindämmen und verhindern zu können. Zum einen wären da konkrete Sicherheitsstrategien wie Videoüberwachung, die verstärkte Präsenz von Sicherheitskräften, das konsequente Durchsetzen der Parkordnung und die Ahndung von Vergehen und Straftaten mit Anzeigen, Bußgeldern und auch Hausverboten. Hier werden wir prüfen, was wir davon in welcher Form umsetzen können.

 

Zum anderen gilt es aber auch, aktiv Prävention zu betreiben. Ein Thema, das bislang überhaupt noch nicht angefasst wurde, für mich als Parkverwalter und die Stiftung als Eigentümer aber sehr wichtig ist: Wie kann man vor allem Schülern Gartendenkmalpflege und Gartenkunst und damit ein Gefühl für den Wert dieses historischen Erbes vermitteln? Wir setzen hier in der nahen Zukunft auf verstärkte Jugendarbeit und haben auch bereits erste Schritte unternommen. So sollen in diesem Jahr mit Studenten entsprechende Ideen und Projekte für Gothaer Schulen entwickelt werden.

 

Über die genannten Sicherheits- und Präventivmaßnahmen hinaus ist natürlich die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig. Dazu zählen z.B. die verstärkte Tourismuswerbung für die Orangerie und den Schlosspark, die Information der Gothaer u.a. durch Führungen und die von der Stiftung veranstalteten Schlossgespräche sowie nicht zuletzt die Bemühungen des Fördervereins „Orangerie-Freunde“.

 

Sie bereiten in Zusammenarbeit mit den „Orangerie-Freunden“ gerade eine neue Spendenaktion vor, die in Kürze anlaufen soll. Wie wird diese aussehen?

 

Wir sind momentan dabei, einen historischen Orangerie-Pflanzkübel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zeichnungen und zeitgenössischen Beschreibungen von einem Böttcher herstellen zu lassen. Spätestens im Mai möchte die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten diesen „Musterkübel“ dann der Öffentlichkeit vorstellen. Für 400 Euro sollen Spender über den Förderverein nach diesem Muster gefertigte Pflanzkübel für die Orangerie erwerben können. Jeder so gespendete Kübel wird dann mit einem Messingschildchen mit dem Namen des Spenders versehen, sodass dieser also genau sehen kann, wofür konkret sein Geld verwendet wird.

 

Diese Kübel sind in erster Linie für unseren bereits erwähnten Bestand von 50 Lorbeerbäumchen gedacht. Unser Ziel ist es, dass wir zur Eröffnung des „Lorbeerhauses“ und der Einwinterung der Pflanzen im Oktober schon die ersten zehn dieser Kübel mit Lorbeerbäumchen zeigen können (2). Ich hoffe, dass sich an dieser Aktion möglichst viele Gothaer beteiligen und damit auch die Identifikation mit der Orangerie gestärkt wird.

 

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten in Bezug auf die Orangerie, welche wären das?

 

Mein erster Wunsch wäre natürlich, dass das tolle Konzept der Stiftung realisiert wird. Das muss nicht einmal sofort sein, es könnte in dem geplanten Zeitraum geschehen, Schritt für Schritt. Schließlich macht es ja auch Spaß, zuzusehen, wie so etwas langsam Gestalt annimmt. Zweitens würde ich mir wünschen, dass die Gothaer dabei „mitziehen“, dass sie auch Spaß daran haben und sich vor allem mehr als bisher mit ihrer Orangerie identifizieren. Und der dritte Wunsch ist für die Zukunft eine reiche Orangenernte, damit ich meinen Orangenschalenpunsch einmal original aus der Gothaer Orangerie genießen kann. (lacht)

 

Herr Scheffler, vielen Dank für das Gespräch.

 

(Das Interview führte Andreas M. Cramer.)

 



Anmerkungen:

 

(1) Vom Oktober 2008 bis Mai 2009 wurde im Rahmen einer Diplomarbeit (Fachbereich Landbau/Landespflege der HTW Dresden) die Bepflanzung des Orangerieparterres im 18. und 19. Jahrhundert untersucht.

(2) Tatsächlich konnten zur Eröffnung des Lorbeerhauses im November 2008 schon 13 der neuen Pflanzkübel präsentiert werden, im Frühjahr 2010 waren bereits 45 Kübel über Spenden finanziert.

 



Zur Person:

 

Dipl.-Ing. Jens Scheffler, 1974 in Dresden geboren, studierte Landschaftsarchitektur an der TU Dresden, wo er seine Diplomarbeit über den Englischen Garten in Pillnitz schrieb. Nach einem wissenschaftlichen Volontariat beim Staatsbetrieb „Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen“ kam er 2005 zur Abteilung Parkanlagen und Gartendenkmalpflege der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten in Rudolstadt. Dort war er für die Erarbeitung des zukunftsweisenden Nutzungskonzepts für die Gothaer Orangerie verantwortlich, das u.a. die Einrichtung einer Schauorangerie und des deutschen Orangeriemuseums vorsieht. Seit dem 1. Oktober 2007 ist Scheffler im Auftrag der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten bei der Stadt Gotha als Leiter der Parkverwaltung tätig.

 

Zahlen und Fakten zur Orangerie:

 

Die aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammende Orangerie ist Teil des Gothaer Schlossparks und seit 2004 Eigentum der staatlichen Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Die Parkanlagen werden derzeit von einem Parkverwalter, einem Gartenmeister, einer Vorarbeiterin, vier Gärtnern und etwa zehn Hilfskräften (ABM, freiwilliges ökologisches Jahr, Zivildienstleistende) betreut. Der Bestand der Orangerie umfasst aktuell (Stand: März 2008) 506 Kübelpflanzen verschiedener Sorten, davon 50 Lorbeerbäumchen. Die älteste Pflanze ist eine 80 Jahre alte, rund viereinhalb Meter hohe und drei Tonnen schwere Phoenixpalme. Jährlich werden für die Frühjahrs- und Sommerbepflanzung etwa 12.000 bis 15.000 Euro ausgegeben. Allein für die Sommerbepflanzung Anfang Mai finden rund 22.000 Pflanzen Verwendung.

 

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